Religionspädagogen zerstören Träume

2009 April 27

Ich habe in anderen Threads schon was zur “Münsinger Schule” berichtet. Das geplante Projekt, ein Internat für begabte Kinder mit ADHS, wäre ein Pilotprojekt geworden, mit wissenschaftlicher Evaluation und allem drum und dran. Vor allem wäre es aber für die Kinder dort eine einzigartige Möglichkeit gewesen, ihr Potential trotz ADHS zu entfalten.  Es gab Fachleute, ausgebildete Pädagogen, kurz – Experten zum Thema ADHS waren vorhanden! Klar, das Ganze stand von Anfang an finanziell auf wackeligen Füssen, war sogar schon fast vor dem Aus. Eltern und Mitarbeiter haben sich dann beineausreißendermaßen angestrengt, um zu retten was zu retten ist.

Schliesslich wurde ein Geldgeber gefunden, nämlich das umstrittene CJD, ein  Christenverein, der bundesweit mehrere Schulen betreibt und im Verbreiten dogmatischen Aberglaubens – “Kernkompetenz Religionspädagogik” – sein Selbstverständnis findet.

Und nun, wie befürchtet, das (Alb-Bote):

Schulkonzept wird nicht mehr umgesetzt

Münsingen Der Begriff “Münsinger Schule” steht für die Einrichtung und für das von der Esslinger Diplom-Psychologin und Diplom-Heilpädagogin Cordula Neuhaus entwickelte und hoch gelobte Konzept für Kinder mit ADHS. Es ist fraglich, ob davon überhaupt etwas übrig bleibt. Über den zukünftigen Ort der Schule (sie ist zurzeit in einem Ausweich-Quartier in Bremelau) wird verhandelt, inhaltlich hat ein Abschied anscheinend bereits stattgefunden. “Meine Konzeption wird in keinster Weise mehr umgesetzt. Darüber bin ich sehr traurig,” sagt Cordula Neuhaus. Gestrichen sei die pädagogisch-therapeutische Leitung, der Klassenrat, das Mentorat, die Supervision und die Tagesbetreuung durch Sozialpädagogen, ebenso seien Projekte weggebrochen. Es heißt, dass die jeweiligen Hausärzte über die Medikamentation entscheiden und diese während des Tages nicht mehr durch eine erfahrene Fachkraft überwacht wird. Cordula Neuhaus: “Von der gesamten Vorgehensweise muss ich mich leider distanzieren.” vau

Durch den Wegfall kompetenter Fachleute werden nun Stellen frei für Religionspädagogen und Vorbeter. Gutmenschentum ersetzt erfahrene Fachkompetenz. Das ist das Ende eines großen Traums. Ich bin stinksauer :evil:

Bild: Maren Beßler, Pixelio

12 Antworten
  1. 2009 April 27

    Betroffenheit in Foren:

    *http://www.adhs-anderswelt.de/index.php?topic=33043.20
    *http://www.ohotest.de/ads-ev/index.php?option=com_wrapper&view=wrapper&Itemid=19

  2. 2009 April 28

    Kirchenaustritt jetzt!
    ———————————–

    Religionspädagogik (lt. CJD) bedeutet u.a.:
    daß “das CJD die Beziehung zwischen Gott und einem Menschen für die grundlegendste Voraussetzung eines gelingenden Lebens hält. Wer diese Beziehung verloren hat, hat einen wesentlichen Teil der Beziehung zu sich selbst, zu Mitmenschen und zur Welt verloren.”

    Klartext: Agnostiker, Atheisten, Buddhisten, Nicht-Abrahamitische Religionsangehörige KÖNNEN dort nicht profitieren, man MUSS konvertieren, um den “Heils”-Erfolg nicht zu gefährden.
    So viel dämlackmäßiges Dummgeschwurbel ist fast zuviel für mich heute!

  3. 2009 April 28

    Nachdem sich jetzt manche in den oben geposteten Foren in Glaubens-Apologetik üben (Religion hat nichts damit zu tun…. neinneinnein…) trenne ich obiges Thema in 2 Punkte:

    1. Das Projekt war offensichtlich finanziell niemals in trockenen Tüchern. Ein Internat zu stemmen ist wohl eine schwierigere Sache als zunächst geplant. Das Fiasko, überhaupt einen “externen” Träger finden zu müssen, ist NICHT dem CJD anzulasten. Die haben nur zugegriffen um wieder ein paar mehr Schafe in ihre bröckelnde Herde zu kriegen.

    2. Die in meinen Augen skandalöse religiöse Indoktrination von Kindern findet nicht nur im CJD statt (und auch nicht nur bei Christen!)
    Eine gewisse Blindheit bei den Verantwortlichen, das Projekt gerade denen anzuvertrauen, ist nur mit dem sprichwörtlichen Griff nach dem Strohhalm zu erklären. Das CJD macht auf seiner Webseite keinen Hehl über seine Absichten. Der Begriff “Religionspädagogik” ist ein Synonym für Erziehung zur Intoleranz. In einer Gesellschaft, die weltanschaulich zunehmend pluralistisch wird, ist diese Form von Schule zutiefst mittelalterlich, ja steinzeitlich.

    Zusammmenfassend kann man sagen:
    1. Das CJD ist NICHT schuld am Scheitern des Projekts.
    2. Das CJD ist ein weltanschaulich intoleranter Verein auf missionarisch-religiöser Basis.

    Ich gebe zu, diese beiden Punkte in obigem Beitrag vermischt zu haben.

  4. 2009 April 28
    Rita Permalink

    Als Mutter eines von ADS betoffenen Schülers verfolge ich sehr interessiert die Entwicklung der AD(H)S-Schulen “Münsinger Schule” und “Privates Gymnasium Esslingen”. Das PGE gehörte ehemals auch zur Münsinger Schule und arbeitet nun unabhängig weiter. Hier ein Link für die, die es interessiert:

    http://www.privates-gymnasium.de/

    Mein Sohn besucht diese Schule und wir sind sehr zufrieden.

    Hier habe ich noch einen weiteren Artikel über die Münsinger Schule gefunden:

    http://www.suedwest-aktiv.de/region/albbote/rundschau_von_der_alb/4302061/artikel.php?SWAID=7c76d3f7c772bee073429a67bfc97ee3

  5. 2009 April 28

    Danke für die Links, Rita, vor allem für den zweiten. Wenn dieser Herr Wahlers meint, er könne das was Cordula Neuhaus initiiert hat mit diesen Christenheinis umsetzen soll er das bitte tun. Man wird sehen. Die Fachwelt wird sich allerdings weniger dafür interessieren, da wette ich drauf…

    P.S.: das PGE sollte nicht mehr mit der Münsinger Schule in Verbindung gebracht werden. Das wäre nach jetzigem Stand der Dinge fast schon rufschädigend^^

  6. 2009 April 29

    So ganz ohne inhaltliche Stellungnahme zum religiösen Aspekt:

    Danke, Achter, für das Thematisieren, und danke, Rita, für den aktuellen Link.

    Es gibt so viel Leid für AD(H)S’ler in unserem Schulsystem, daher sollten beide Institutionen – Internat und PGE (das mir aus verschiedenen Gründen etwas “näher” steht) überleben. Ich werde soooo wütend, wenn ich verfolge, wie schwer die Umsetzung eines preisgekrönten Konzepts in unserem Schulsystem ist, und ich habe den leisen Verdacht, dass eigentlich gar nicht gewünscht ist, AD(H)S’ler überhaupt zu unterstützen.

    Querdenker sind nämlich oft unbequem, und für manche Sesselpupser sogar gefährlich….

  7. 2009 April 29

    So ganz ohne inhaltliche Stellungnahme zum religiösen Aspekt:

    Es ist völlig ok diesen Aspekt auszuklammern, macht in diesem Fall ja auch Sinn.

    Mich persönlich treffen die Aussagen des CJD über Religion allerdings am gleichen Nerv – wie die Aussagen von ADHS-Leugnern, man “könne ja wenn man nur wolle”. Ja, sogar fast noch mehr, denn die Kirchen haben weit größeren Einfluß im Staate als beispielsweise Scientology oder andere Sektendeppen. Meine ungläubige Weltanschauung ist genauso zu respektieren tolerieren wie mein ADHS. Da bin ich “Querdenker” wie er im Buche steht ;)

  8. 2009 April 29

    “Das Vertrauen der Kinder wird zerstört”
    Münsinger Schule: Eltern üben Kritik an Trägerverein, personellen und konzeptionellen Entscheidungen[...]

    Ganzer Artikel beim Alb-Boten

    Wenn man das so liest kann man den Eltern nur raten, schweren Herzens in den sauren Apfel zu beissen und die Kinder da schleunigst wegzuholen. Und das nicht nur wg. Reli und so.
    ——————————

  9. 2009 Mai 3
    Rita Permalink

    Hallo ihr,

    ich finde auch, dass es gut wäre, wenn beide Institutionen MIT dem Konzept von Frau Neuhaus überleben würden. Leider sieht es zumindest für das Internat nicht so gut aus…
    Meine Informationen sind, dass Esslingen auf jeden Fall weitermachen kann, dank des großen Engagements des Rektors, der Lehrer, des Vorstands. Auch hier stand vor einiger Zeit zur Debatte, dass ein fremder Bildungsträger die Schule übernimmt, was von allen Seiten abgelehnt wurde, da klar war, dass das nicht ohne große Abstriche am Konzept machbar sein würde.

    Was mich wütend macht, ist, dass das Land der Schule keinerlei Unterstützung gewährt. In Baden-Württemberg ist es ja so, dass eine Schule sich erst 3 Jahre selbst finanzieren muss, um die staatliche Förderung zu erhalten. Durch die Insolvenz Ende vergangenen Jahres fing nun diese Frist erneut an zu laufen, und die Zeit davor bleibt unberücksichtigt. Meines Wissens war eine Zeit lang eine projektbezogene Förderung im Gespräch, aber auch dies ist anscheinend wieder vom Tisch. Schüler, die sonst z.T. in betreuten Einrichtungen unterkommen müssten, manche in der Psychiatrie, manche vielleicht auf staatlichen Förderschulen, erhalten nicht einmal den Zuschuss, der JEDEM Schüler auf staatlichen oder auch staatlich geförderten kirchlichen Schulen zusteht!

  10. 2009 Mai 4
    Rita Permalink

    Noch ein Nachtrag: Gestern las ich in der Stuttgarter Zeitung, dass verschiedene Privatschulen (die International School Stuttgart, das Salem International College sowie eine japanische Schule in Saulgau) Zuschüsse aus dem Landeshaushalt in Höhe von bis zu 831 000 Euro bekommen.

    Zitat: “Dabei handelt es sich nicht um die sonst übliche Privatschulförderung, sondern die Unterstützung erfolge vom allem im Interesse der Stärkung des Wirtschaftsstandortes Baden-Württemberg. Für Führungskräfte aus dem Ausland sei es wichtig, dass ihre Kinder die Schulbildung in einer Form erhielten, bei der der Wechsel in ein anderes Land keinen allzu großen schulischen Bruch bedeute”. usw.

    Aha! kann ich da nur sagen. Wenn es um guten Ruf als Wirtschaftsstandort geht, sind Förderungen möglich, sogar für ausländische Schüler von gut betuchten Eltern. Nichts dagegen – aber man kann nur hoffen, dass es keine Führungskräfe mit ADHS-Kindern gibt…

  11. 2009 Mai 4

    Ach Rita, es ist soooo zum K…ähm, Brechen !

    Ich bin sicher, dass gerade die Kinder dieser hochrangigen Führungskräfte überdurchschnittlich oft ADS haben, nur fällt das bei denen nach außen hin nicht so sehr auf. Diese Kinder kommen oft von Anfang an auf Privatschulen, und dort wird meistens selbst dann, wenn das Kind offiziell kein ADS’ler ist, automatisch ein relativ ADS-freundlicher Unterricht gehalten: kleinere Klassen, strengere (und deshalb klarere) Regeln und Strukturen und motiviertere Lehrer – wenn die sich nicht anstrengen, verlieren sie nämlich ihren Job. Die (völlig normalen *haha*) Kinder meiner Verwandschaft besuchen auch kein staatliches Gymnasium…. Zwar gibt es auch pädagogische Modelle, die gar nicht passen, aber gerade leistungsorientierte Führungskräfte bevorzugen den klaren Stil – Salem und Herr Bueb lassen grüßen.

    Echte Führungskräfte, vor allem die etwas älteren, die typisch schwäbischen Tüftler, sind doch die Querköpfe schlechthin ! Da hüpfen mehr ADS-Gene in den Generationen herum als bei stinknormalen Familien ;-)

    Für Normalverdiener und/oder Menschen, die sich nicht gut für ihre Kinder einsetzen können, weil sie keine Diagnose haben und von Erziehungsberatungsstellen zu hören bekommen, dass ihre Kinder nur auf Scheidung/Arbeitslosigkeit/kalte Mutter/und eben falsche Erziehung reagieren, bleibt nur die verrottete Staatsschule und jedes Jahr die Hoffnung, dass das Kind/die Kinder wenigstens gute Lehrkräfte bekommt/bekommen.

    Wir nennen das bei uns übrigens in den Sommerferien das Lehrerlotto – mal sehen, ob jemand den Jackpot (also z.B. die wirklich tolle Frau S.) bekommt, und wer die Niete gezogen hat (Frau L. und Konsorten….).

  12. 2009 Mai 4

    Dafür gibt es schließlich 52 Waldorfschulen in Baden-Württemberg, die alle mitfinanziert werden wollen. Für andere Privatschulen ist da nicht mehr viel Geld drin. Außerdem weiß doch das Ländle, dass man Waldorf nichts verweigern kann, denn wenn, dann geht’s vor Gericht.

    http://www.anthromedia.net/news/artikel/?tx_ttnewstt_news=790&tx_ttnewsbackPid=695&cHash=61ca3ef35b

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