Wer schützt die Kinder vor schlechten Journalisten?

Es nervt.

Wieder mal ist es mir nicht gelungen, einen Artikel über Ritalin zu ignorieren, der, wie so häufig, schlecht recherchiert, polemisch und voller Unterstellungen und Spekulationen ist und dabei die Grenze zum Zynismus gegenüber ADHS-betroffenen Kindern und deren Eltern weit überschreitet.

Und wieder muß ich mir die undankbare Mühe machen, Aussagen wie: “Allesamt Arzneien, die gewiss nie ohne Nebenwirkungen daherkommt, aber möglicherweise überhaupt keine therapeutische Wirkung haben.” richtigzustellen: Der Verweis auf die 3-Jahres Follow-Up MTA Studie ist nun wirklich ein alter Hut, besagt diese Studie doch bei Licht betrachtet nichts anderes, als das auf längere Sicht verhaltenstherapeutische Maßnahmen ebenso effizient sind wie eine Behandlung mit Methylphenidat (wobei klar sein dürfte, daß ein Schulkind angesichts unseres Bildungssystems diese “längere Sicht” eben nicht hat). HIER eine Zusammenfassung mitsamt den Konsequenzen die sich aus dieser Studie ergeben. Von einer möglichen therapeutischen Unwirksamkeit steht da kein Wort. Peter Artmann, der Autor jenes polemischen Drecksartikels sollte sich besser mit der Materie befassen, über die er schreibt.

Und dann solche Formulierungen: “In jüngster Zeit gab es häufiger Spekulationen, dass…” Ja genau, da ist er wenigstens ehrlich. Spekulationen! Wer hätte das gedacht…

Unterschubladige desinformierende Begriffe wie “chemische Peitsche” und “Zwangsabhängigkeit durch Psychostimulanzien” runden den Matsch insgesamt dann ab. Bildzeitung war gestern!

Es gäbe noch mehr dazu zu sagen, vielleicht ergänze ich diesen Artikel später noch. Momentan habe ich keine Zeit mehr zum schreiben denn ich muss mein Kind verprügeln, das Ritalin ist aus…

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P.S.: Eine Fülle fundierter Infos über Methylphenidat und die medikamentöse Therapie bei ADHS gibt es zum Beispiel hier und hier

P.P.S.: Artmann schreibt bei scienceblogs.de, ein normalerweise tolles Portal mit durchaus lesenswerten Artikeln. Allerdings schrauben Leute wie er das dortige Gesamtniveau nach unten. So führt sein Lobgehudel auf die Vorzüge exotischer Quacksalbereien mitsamt seinem pauschal betriebenen Ärzte-Hass  auch zu interner Kritik.

Beitrag editiert 5.8., Achter

15 Gedanken zu “Wer schützt die Kinder vor schlechten Journalisten?

  1. “[...] besagt diese Studie doch bei Licht betrachtet nichts anderes, als das auf längere Sicht verhaltenstherapeutische Maßnahmen ebenso effizient sind wie eine Behandlung mit Methylphenidat [...]”

    Da fällt mir eine Passage aus “ADHS im Erwachsenenalter” vom Krause-Ehepaar ein:
    “Die Ergebnisse einer ersten bei Kindern mit ADHS durchgeführten Multicenterstudie, bei der über 14 Monate die Effekte von Pharmako- und Verhaltenstherapie jeweils einzeln und als Kombinationsbehandlung verglichen wurden, zeigen, dass die alleinige Verhaltenstherapie der medikamentösen Therapie signifikant unterlegen war, während sich zwischen Pharmakotherapie allein und der Kombination von Pharmako- und Verhaltenstherapie nur bei begleitenden Angststörungen ein Unterschied sichern ließ (The MTA Coorperative Group 1999).”

  2. Hab gerade in Deinem Link gelesen, dass sich der Medikamenten-Effekt nach 3 Jahren wieder etwas relativiert, wobei ich das Design der Studie nicht ganz nachvollziehen kann. Aber egal. Jedenfalls stimmt “überhaupt keine therapeutische Wirkung” schon mal nicht.

  3. Herr Artmann hat nicht begriffen, dass Methylphenidat keine Liebmach-Droge ist, die aus “frechen” Kindern wohlerzogene Nickroboter macht.
    Was in seinem Artikel fehlt, ist das grundsätzlich Eingehen auf die Tatsache, dass das Medikament nicht einfach in den Rachen “frecher” Kinder geworfen wird, sondern nach sorgfältiger Diagnostik bei ADS/ADHS verordnet wird.
    Er hat auch nicht begriffen, dass ADS/ADHS etwas anderes ist als schlechtes Benehmen.
    Ebensowenig hat er verstanden, dass weder Nicht-ADS-Kinder mit schlechtem Benehmen noch ADS-Kinder einfach mal ein paar Ohrfeigen bekommen sollten.

    Wer jemals die Gelegenheit zu der Beobachtung hatte, wie ein durch ADS “verpeiltes” (man entschuldige die saloppe Ausdrucksweise, sie soll nicht diskriminieren, sondern den Blick des gesehenen Kindes verdeutlichen) Kind nach der Einnahme von Methylphenidat “zu sich kommt”, seine Umwelt störfrei wahrzunehmen imstande ist und interagieren kann, der fragt sich, ob es nicht Herr Artmann ist, der sich zwecks Aufweckens ein paar Ohrfeigen bei ebenden Kindern abholen sollte, denen er mittels seines Schmähartikels ihre Medikamente absprechen will, die – und solche Kinder habe ich gesehen – durch die Medikation für verhaltenstherapeutische u. a. pädagogische Maßnahmen überhaupt erst zugänglich wurden.

    Und wer glaubt, unter Methylphenidat könne ein ADS-Kind bei Bedarf keine pampigen Antworten geben, der hat noch keines gesehen.

  4. @tigger, welches Kind hat 3 Jahre Zeit, bis sich ein Therapieeffekt einstellt? In diesem Zeitraum kann viel passieren, soziale Ausgrenzung bis hin zur Sonderbeschulung bei einem guten bis überdurchschnittlichen IQ! Die Verweigerung von (wenn nötig) wirksamen Medikamenten ist unterlassene Hilfeleistung. Und Artmann´s Artikel ist ein Aufruf dazu!

    @tigger und buchstäblich,
    danke für eure Beiträge ;)

  5. Ich habe mir auch die anderen Artikel von Herrn Artmann angesehen und bin ENTSETZT. Herr A. sollte das mit dem “Wissenschaftsjournalismus” lieber sein lassen. Er hat absolut keine Ahnung von dem, was er schreibt. Kann man diesen Menschen nicht irgendwie stoppen?

  6. Man sollte auf dieser Seite auch mal den Link “Über das Blog” anklicken. Da steht z.B.:
    “Aber könnte das nicht etwas genauer und mit mehr Quellen sein?
    Naja, unter schnellen Einträgen leidet sicherlich die Qualität von Texten.”

    oder auch:
    “Manchmal denke ich dann, dass es sinnvoll wäre sorgfältiger zu schreiben und genauer zu recherchieren. Aber so etwas benötigt Zeit. Damit man telefonieren, Leute treffen und verschiedene “Quellen” anzapfen kann.”

    Also Hauptsache erst einmal eine Meinung verbreiten, Hintergrundwissen ist wahrscheinlich nicht so wichtig.

  7. Vielleicht hat Herr Artmann politische Ambitionen? Mir kommt es jedenfalls so vor, als wenn er sich gerade im Lobbyismus übt. Wenn man keine Ahnung von AD(H)S hat, dann sollte man sich als Journalist zumindest mal eingehend damit beschäftigen. Das ist hier wohl nicht geschehen! So gesehen könnte man die Frage an ihn zurückgeben: ” Wer schützt die Kinder vor Ihrem Journalismus, Herr Artmann?”

    LG sunny

  8. Da ich ja von Berufs wegen versuche, noch in jedem Wahnsinn, also auch in dem von Herrn A., einen Sinn zu finden, aber noch folgendes:

    Natürlich kann es immer mal wieder einige wenige Kandidaten geben, die mit der Diagnose ADHS (oder Legasthenie) durch ihre Schulzeit segeln, aber in Wirklichkeit was ganz anderes haben (z.B. eine Partnerschaftsproblematik der Eltern, Schwierigkeiten mit den Mitschülern oder eine Schulform, die nicht der Begabung des Kindes entspricht). Ein paar ordentliche Ohrfeigen werden da aber wohl nicht helfen.

    Dass es sich bei dem Störungsbild in Wirklichkeit um ein Problem der Disziplin handele, das entsteht, weil Eltern nicht konsequent und streng genug sind, ist natürlich Unfug. Häufig brauchen die Eltern von ADHS-Kindern vielmehr Unterstützung, um die positiven Eigenschaften der Kinder wieder sehen und loben zu können.

    Um eine Fehldiagnose zu vermeiden, ist die Forderung nach einer kompetenten Diagnostik durch einen Kinder- und Jugendlichen-PSYCHIATER (und nicht durch einen Kinderarzt) sinnvoll. So kann das Risiko von Gefälligkeitsdiagnosen reduziert werden. Es gibt aber keinen Grund, wegen der Möglichkeit einer Fehldiagnose der Mehrzahl der tatsächlich Betroffenen eine hochwirksame Behandlung vorzuenthalten.

    Zu einer Behandlung nach den aktuellen Leitlinien gehört übrigens auch eine Psychotherapie (empfohlen wird eine Verhaltenstherapie). Ziel sollte es sein, Selbstkontrolltechniken (Selbstmanagement) zu erlernen, um langfristig das Leben bewältigen zu können.

  9. @schlammschwimmer,

    lieber einen Kinderarzt, der sich seiner diagnostischen Grenzen bewußt ist und ADS-verdächtige Kinder an kompetente Fachleute (das können z.B. auch gute Dipl.-Psychologen/-innen sein) überweist, als ein schlechter Psychiater der nie eine Fortbildung über ADS besucht hat und das Kind durch die Trauma-Brille sieht und behandelt.
    Ich habe im großen Ganzen eine gute Meinung von Kinderärzten, über “Gefälligkeitsdiagnosen” weiß ich nichts.

    Allerdings, und da ist es egal ob Psychologe, Pädagoge, K.-Arzt oder K.-Psychiater, ist die Ausbildung und das Wissen über ADS längst noch nicht so wie es sein sollte. Fachleute zu denen ich auch mein Kind schicken würde sind eher selten.

  10. So läuft es idealerweise ab: der Kinderarzt stellt eine Verdachtsdiagnose und überweist zum Spezialisten!

    “Gefälligkeitsdiagnose” bezieht sich mehr auf die Diagnose “Legasthenie”, weil die ja doch auch erhebliche Vorteile in der Schule mit sich bringt. Bitte nicht falsch verstehen, auch hier ist eine Fehldiagnose die AUSNAHME und nicht die Regel. Es gibt leider auch unter Ärzten schwarze Schafe, die den Patienten am liebsten von hinten sehen und die keine Lust auf zeitraubende Diagnostik und anschließende Diskussionen haben.

  11. “Trauma”, in vielen Variationen die Grundlage fragwürdiger Psychotechniken, von der Befreiung des “Inneren Kindes” bis hin zur Auflösungen karmischer Prägungen aus früheren Leben…Quatsch mit Soße!

    Aber auch die schwurbelige Psychoanalyse bedient sich dieses Konzepts.

    EDIT: das heißt nicht, daß es keine Traumata gibt, eine echte PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) ist aber etwas anderes als eine bei den Haaren herbeigezogene Erinnerungskonstruktion.

  12. Also, mal eines vorweg: Als (angehender) Lehrer für Gesundheitsberufe und (aktiver) Student der Gesundheitswissenschaft und (ebenso aktiver) Dozent an Pflegeschulen hasse ich halbherzig recherchierte Sachen. Ich kann auch nicht meinen Schülern erzählen, dass Beta-Blocker bei Herzinsuffizienz eingesetzt werden, ohne den Hintergrund und die Studienlage zu kennen. (Ich kann schon, aber das ist unsaubere wissenschaftliche Arbeit.) Ich wurde von einer Professorin geschliffen, vor der viele Studenten Angst haben, weil sie die wissenschaftliche Messlatte extrem hoch hängt und diese von vielen gerissen wird. (Für Artmann hätte sie vermutlich noch nicht einmal eine Latte aufgelegt, die hätte gerissen werden können.)
    Ich will jetzt hier auch nur mal über ein Beispiel aus meinem unmittelbaren Umfeld berichten: In der Schule meines Sohnes ist ein Mitschüler, der von ADHS betroffen ist. Die Eltern kennend, ist sonnenklar, dass schlechte Erziehung, mangelnde Liebe oder zu viel PC- oder Fernsehzeit als Ursache wegfallen. Etwas funktioniert nicht in ihm, etwas, an das heranzukommen extrem schwer fällt, etwas, das kaum mit Worten auszudrücken ist, ihn aber an vielen Ecken einholt und heimsucht. Aber, Retalin sei Dank, kann er geregelt am Schulalltag teilnehmen. Er hält durch bis Schulschluss, kann ausreichend Konzentration aufbringen, um Lernerrfolge zu haben, und auch Peer-Group-Erfahrungen gehen nicht an ihm vorbei. Es gilt zwar als “ein büschn komisch”, aber lieber das als beschulungsunfähig zu sein. Retalin hilft nicht bei jedem vermeintlichen ADHS-Kind, ist aber bei sauberer, sorgfältiger Diagnosestellung sehr hilfreich. Und keine “medikamentöse Fessel”. Nur: Der Weg zu einer sauberen Diagnose (Stichwort: Differentialdiagnose) ist zeitraubend und erfordert vom Diagnostiker einiges.

  13. Du sagst es, Kunstgriff ;) . Was mich an Artmann vor allem ärgert, ist weniger WAS er schreibt, sondern daß er das als Science-Blogger tut. Man findet hirnlose und dümmliche Aussagen zum Thema auf etlichen weniger bis unbedeutenden Blogs und Foren im Netz, da reg ich mich schon lange nicht mehr drüber auf.

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