Über die Gummibäropathie:
Jeder Deutsche empfindet sich selber als „kritischen Menschen“. Wenn er z.B. Zweifel daran hat, was in der Zeitung steht, kauft er sich noch ein Exemplar und vergleicht kritisch Zeile für Zeile, ob da denn auch dasselbe drinstehe. Und wenn es in genügend Zeitungen drinsteht, dann muß es wahr sein. Und daher glaubt der brave Deutsche auch an die „Gummibäropathie“. Die hat der berühmte Mediziner Hans Riegel aus Bonn erfunden. Er entdeckte das „Ähnlichkeitsprinzip“:
Krankheiten werden mit hochverdünnten Stoffen bekämpft, die genau diese Symptome auslösen.
Das Prinzip besagt: Wenn Du nur Gummi im Kopf hast, also z.B. an der „Weiche-Birne“- Krankheit leidest, daß Du die nur mit hochpotenziertem Wirkstoff aus weichen Gummibärchen wieder loswirst. Hierzu löst Du ein Gummibärchen einer bestimmten Farbe in einem Glas, in einer Badewanne, einem See, einem Meer oder im Weltall auf, und schluckst dann davon etwas. Je verdünnter der Gummibärchensaft sei, umso wirksamer wirke er gegen deine „Weiche-Birne-Symptome“ – daran glaubt der brave Deutsche. Rote, grüne, gelbe, blaue … Gummibärchen helfen natürlich bei verschiedensten Problemen:
„Weiche-Birne-Symptom“ – rot
„Weiches-Rückgrat-Symptom“ – gelb
„Weiche-Knie-Symptome“ – blau
„Gleichgewichtsstörungen“ – schwarz
…. Das hat er auch selber erfahren. Immer, wenn er z.B. hochpotenzierte, gelbe Gummibärchen gegen „Weiche-Knie“ genommen hat, hatte er plötzlich keine Angst mehr vor der „Weiche-Birne-Krankheit“. Und wenn er mal wieder beim Wettsaufen durch zuviel Alkohol fast ins Koma gefallen ist, genüge es, hochpotenzierte „blaue Gummibärchen“ in Verbindung mit „schwarzen Gummibärchen“ einzunehmen, und – nach spätestens einem Tag sei das Koma wieder vorbei, berichtet er überzeugend. Und außerdem hätten das viele Freunde von ihm auch schon selber ausprobiert, sie wären begeistert und total davon überzeugt. Und auch von daher schon müsse es wahr sein. Von ‘kollektiven Irrtümern’ und ‘kollektiven Wahrnehmungsstörungen’ hat der brave Deutsche noch nie gehört. Er glaube immer alles, was die Mehrheit glaubt. Damit liege er in der Mitte und immer richtig, sagt er.
Der Deutsche glaubt nicht daran, daß er ein leichtgläubiger Mensch wäre, weil er sich ja auch immer verschiedene Meinungen anhört. Und wenn alle dasselbe sagen, und er es sogar selber am eigenen Leib erfahren hat, dann glaubt er das, sagt er. Auch habe er gehört, daß Wasser, Flüssigkeiten ein Gedächtnis haben, daher hält er es auch die „Gummibäropathie“ mit der Wirksamkeit der Gummibärchen für möglich, auch wenn auch im ganzen Weltall kein einziger Gummibär mehr sei, den man darin auflösen und dann schlucken könne.
Überhaupt schluckt der brave Deutsche wegen chronischer „Weiche-Birne-Krankheit“ alles, vornehmlich stark verdünnte Sachen, z.B. verdünnte Blüten aus irgendwelchen Bächen, stark verdünnte Logiken, stark verdünnte Wahrheiten: Dummheit, sagt er, könne man auch nur mit Dummheit bekämpfen.
So z.B. glaubt er daran, daß ein Hai ja so empfindliche Sinnesorgane habe, daß er sofort aus dem Pazifik in die Ostsee geschwommen käme, wenn er eine Frikadelle hineinwerfe. Das dauere nur leider länger, als er dort immer Urlaub mache, weswegen er auch noch nie einen Hai dort gesehen habe. Es wären aber einige Jahre, nachdem er die Frikadelle hineingeschmissen hat, welche dort gesichtet worden, was seine Theorie von der Frikadelle, die Haie anzieht, ja auch bestätige.
Und das „Ähnlichkeitsprinzip“ von dem berühmten Mediziner stimme schließlich auch, das könne man auch überall beobachten: Die Form eines Brötchens aus zerriebenem Mehl nehme ja auch wieder die Form eines Weizenkorns an, sagt der brave Biedermann. Dieses Argument gefällt dem braven Deutschen besonders gut, vor allem diese verblüffende Ähnlichkeit dieser Ritze im Weizenkorn und der im Brötchen. Das könne ja schließlich kein Zufall sein.
An Zufall, sagt der brave Biedermann, glaube er überhaupt nicht. Von „statistischer Physik“, „braunscher Molekularbewegung“ hat der brave Biedermann zwar noch nie was gehört, weil naturwissenschaftlicher Unterricht immer ausgefallen sei, aber das wäre völlig unwichtig, weil er es ja selber erfahren habe. Er verlasse sich eh viel lieber auf das was er selber erfahren habe, und natürlich seine Instinkte, auf die er sich 100%ig verlassen könne; darauf sei er stolz, sagt er.
Auch glaube er, daß im Computer das Memory und die Festplatten Wasser enthalten, worin Information gespeichert wäre. Das wäre ja auch logisch, meint er, Computerchips wären aus Silizium, und Silizium wären viel in Sand enthalten, und Sand wäre am Meer, und im Meer viel Wasser. Dann wäre es also ja auch plausibel, daß in Computern Wasser der wahre Informationsträger sei. Es genüge ihm, wenn jemand das so sage, meint er. Nachgeschaut habe er jedoch noch nie, sagt er, weil er handwerklich zu ungeschickt wäre, die Schrauben vom Gehäuse nicht aufbekäme, aber rauschen täte es andauernd da drin, was auch ein Indiz dafür wäre, daß da Wasser drin sei.
Von Halbwissen und Dieter Nuhr, der gesagt habe: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten!“ hat er noch nie gehört, sagt der brave Biedermann, er würde sich auch nicht den Mund verbieten lassen. Außerdem stände im Grundgesetz was von „Würde des Menschen ist unantastbar“, dem „Recht auf freie Meinungsäußerung“, und davon mache er auch Gebrauch! Das wäre sein Grundrecht. Außerdem beklagt er, daß einige Mitmenschen offensichtlich sehr unhöflich und wenig respektvoll mit Andersdenkenden umgehen.
Inhalt und Form kann der brave Biedermann nicht voneinander trennen, weswegen er sich immer in seiner Persönlichkeit angegriffen fühlt, wenn jemand irgendeinen seiner Glaubensgrundsätze anzweifelt – er träumt von einer harmonischen Welt, wo alle respektvoll und liebevoll miteinander umgehen, und jeder an das glauben darf, was er mag, und es freundlich immer auch anderen mitteilt, damit die sich mit ihm freuen können.
Auch Popper kennt der brave Biedermann nicht, aber poppen täte er wohl gerne. Begriffe der modernen Erkenntnistheorie, z.B. das „Prinzip der Falsifizierung“, „radikaler Konstruktivismus“, „Ockhams Rasiermesser“ … kennt er nicht. Von Paul Feyerabend, Paul Watzlawick, William von Ockham, Thomas S. Kuhn, Ernst von Glasersfeld, Heinz von Förster, Niklas Luhmann, Gábor Kiss, Georg Lukács, Giles Deleuze, Alfred Korbyzki, Imre Laktatos, Lacan hat er nie gehört. Moderne Erkenntnistheorie versteht der brave Biedermann auch nicht, „Epistemologie“ ist für ihn ein Heilverfahren für Abergläubige, ebenso wie die „Philosophie“ und der „Wissenschaftsglaube“.
„Falschen Glauben“ lehnt der brave Biedermann strikt ab – er denke strikt logisch und rational, sagt er. Schließlich sei er ein moderner Mensch, der mit der Zeit geht, und, um immer schnellstmöglich den richtigen Weg zu finden, sein Navigationsgerät mit GPS verwendet. Und an „Relativitätstheorie“ glaube er auch nicht, sagt er. Physik, sagt der brave Biedermann, wäre „falscher Wissenschaftsglaube“ und den bräuchte er nicht! Physiker bräuchte eigentlich überhaupt niemand, die würden schließlich nur Atomkraftwerke bauen, und das die sicher seien, wäre falscher Wissenschaftsglaube. „Teufelszeug“ und Aberglaube lehne er strikt ab, das mache ihm Angst, sagt er. Daher hat er Gesetze gemacht, die falschen Glauben und Teufelszeug verbieten. Falsch ist jeder Glaube, an den er selber nicht glaubt, sagt der brave Biedermann, und überhaupt glaube er nur daran, was er selber sehe, sagt er.
Und Moslems seien Terroristen, das wisse er, weil – das habe er selber im Fernsehen gesehen. Und dann fährt er in den Urlaub in die Türkei, um sich bei diesen überaus netten Menschen zu erholen. Natürlich hält er sich streng an die Anweisungen seines Navigationsgerätes, schließlich will er ja schnell ankommen. Und gegen die vielen Türkinnen mit ihren Kopftüchern müsse man was unternehmen und Kopftuch bei einer muslimischen Lehrerin in der Schule – das ginge garnicht, meint er. Aber wenn eine Nonne Unterricht gäbe und Kruzifixe in jedem Klassenraum – das wäre völlig ok so.
Überhaupt ist der brave Biedermann ein sehr emotionaler Mensch. Bei der Auswahl seiner Gedankenpfade läßt er sich vornehmlich von seinen Emotionen steuern, folgt stets seinem gesunden Natur – Instinkt.
Gedankenpfade, welche mit Ängsten besetzt sind, mag er überhaupt nicht denken. Sein Instinkt über die Berichte von Harrisburgh und Tschernobyl sagen ihm, daß Atomkraftwerke schlecht sind, also sind Physiker schlecht, also sind Wissenschaftler schlecht, also sind Mediziner schlecht, daher gehe er nur noch zu seinem Heilpraktiker, und der sei der beste. Auch sein Anwalt ist immer der beste Anwalt der Welt – glaubt er.
Und Kohlekraftwerke, sagt er, seinen wenigstens nicht radioaktiv. Aber auch die leht er auch ab, wegen dem Treibhauseffekt, der ihm auch Angst mache. Erdöl sei ‘fossile Energie’ was er auch ablehne. Strom könne auch aus Wind, Wellen und Bioenergie gemacht werden, sagt er. Windräder vor seiner Haustüre lehnt der brave Biedermann auch ab, die könnten ja woanders stehen, meint er.
Das alles ist für den braven Biedermann logisch. Und da er selber logisch und rational denkt, wendet er sich aus rationalen Gründen viel lieber der „sanften Medizin“, der „Traditionellen Chinesischen Medizin“ zu, die jahrtausende alt ist, und damit auch auf dem Stand der Wissenschaft von vor jahrtausenden, weswegen alle Chinesen am liebsten nur noch zu westlich, vernünftig ausgebildeten Ärzten gehen. Davon hat der brave Biedermann nie gehört, weil er auch noch nie in China gewesen ist, aber er glaube dennoch an die Wirksamkeit der „ganzheitlichen, traditionellen, chinesischen Medizin“, sagt er.
Und weil er seit Jahren unter der „Weiche-Birne-Krankheit“, verbunden mit „Weiche-Knie-Krankheit“ leidet, und inzwischen auch die „Weiches-Rückgrat-Krankheit“ hinzugekommen ist, und auch sehr hohe Potenzierungen, wo auf zwei Weltalle ein Gummibärchen kommt, bei ihm nicht geholfen haben, probiert er es nun mit ganzheitlichen Therapien. Damit sagt er, haben schon viele sehr gute Erfahrungen gemacht.
An die Astrologie, sagt der brave Deutsche, glaube er, und daher lese er auch immer sein Horoskop in der Bildzeitung. Dass Planeten und Sterne eine Wirkung haben, daran glaubt er – er hat ja schießlich gehört daß ein einziger Flügelschlag vom Schmetterling weitreichende Auswirkungen auf das Wetter global habe. Das gäbe es sowas, wie Chaostheorie nämlich, und die hätte er im Kopf. Zwischen Wirkung der Sterne auf uns, und einer Wirkung aufgrund dessen, daß wir den Sternen eine Bedeutung geben, und deswegen uns vereinzelt anders verhalten, unterscheidet der Deutsche nicht. Dazu nämlich reicht nämlich sein Verstand und seine Bildung nicht aus. Und überhaupt, wäre alles mit allem verbunden, und das würde unsere Gedanken steuern, meint der Biedermann. Und dieses Wort „ganzheitlich“, das ist sein Lieblingswort geworden. An Sandologie, also der Auswirkung der Stellung der Sandhäufchen im Sandkasten – daran jedoch glaubt er nicht, sagt er. Auch dass die Position der Scheissehaufen der Hunde im Sand vom Kinderspielplatz mehr Auswirkungen auf uns hätten, als die Position der Planeten untereinander, siehe Astrologie, das glaubt er Biedermann keinesfalls. Sowas ekeliges lehne er ab.
Der brave Biedermann liebt die alten, viel einfacherern Weltbilder, wo die Welt noch wohlgeordnet und einfach zu verstehen war. Buddismus und Ying und Yang, und überhaupt alles einfache, wohlgeordnete – die Welt der Gegensätze – das liebt er. Und daher liest er auch gerne z.B. Erich von Däniken, der auch behauptet, daß es da schon Außerirdische gegeben haben muß, die den Menschen als „Intelligent Design“ auf die Erde gebracht haben. Insgeheim hegt der brave Biedermann auch Sympathien für die „Kreationisten“ Berluskoni und Bush. Diese Menschen halten die Weltordnung von gut/böse, recht/unrecht, Himmel/Hölle, die er so liebt, schließlich aufrecht, und das auch notfalls mit Gewalt, streng nach biblischem Vorbild des Johannesevangeliums, Kapitel 19-21. Für den braven Biedermann gibt es gute und schlechte Gewalt: „Schlechte Gewalt“ ist immer die, die ihm selber angetan wird, daher lehnt er diese strikt ab.
Es gibt in Deutschland auch ein vom Grundgesetz garantiertes Recht auf „freies Scheißeerzählen“ und „freies Scheißeschreiben“, vor allem im WWW – World Wide Waste. Und daran orientiert sich der Deutsche, in jeder Hinsicht. Hier findet er stets auch immer viele Freunde, die so denken, wie er, und daher studiert er auch täglich fleissig in der „University of Google in WWW“. Wo die liege, das wisse er nicht, aber irgendwo in Amerika, vermutet er.
„Nichts ist wichtiger, als die Methode – wir müssen sie ab – und zu wechseln“ [Nicolás Gómez Dávila]
Mit freundlichen Grüßen, Guido Stepken, © frei.