Als ich vor 2 Jahren in der Praxis meiner Therapeutin auf meinen ersten Diagnosetermin gewartet habe, gespannt und ängstlich, habe ich auf dem Tresen der Rezeption ein Buch gesehen mit dem Titel “Doch unzerstörbar ist mein Wesen…”
Der Buchtitel (aus einem Gedicht von Hermann Hesse, s.u.), das Umschlagbild und die besondere Situation haben meine Erinnerungen zurückgebracht, meine Dramen, Schmerzen, das ganze Chaos. Am stärksten, und das mit Abstand, war die Trauer über menschliche Verluste, Freunde, liebe Menschen die ich enttäuscht, betrogen und verlassen habe (dagegen wiegen materielle Niederlagen gering).
Doch unzerstörbar ist mein Wesen…, ja das stimmt. Ich lebe noch. Und atme. Und schaffe es trotz allem mir eine handvoll Freunde zu erhalten, treue Leute, meine “Wahlfamilie”. Diese (und meine Gitarre) sind mein Reichtum. Klingt schwülstig, ist aber so…
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Gestutzte Eiche
Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Rohheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt;
Und allem Weh zum Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.
(Hermann Hesse)
Mehr über Hermann Hesse und ADHS HIER. Ein Satz aus der Einleitung von D. Rohloff gibt mir zu denken und berührt mich:
Wir können die Krankheit heute behandeln. Ich gebe gerne zu: mit den heute vorhandenen Möglichkeiten der Therapie behandelt, hätte sich Hermann Hesse sicher nicht zu einem der größten Dichter dieses Jahrhunderts entwickelt. Mit den heute vorhandenen Möglichkeiten der Therapie behandelt wären aber auch nicht Tausende weniger geniale Menschen sozial gescheitert, angesichts ihrer vorhandenen aber nicht erreichbaren Möglichkeiten zerbrochen und in Einsamkeit, im Selbstmord, im Gefängnis, in der Drogensucht geendet. Viele dieser möglichen Abstürze hat Hermann Hesse in seinem Leben vorgelebt, er hat überlebt.